Ruth Klüger: Gespenstergeschichte

Den Umgang mit den Gespenstern der Vergangenheit, mit den Geistern der Opfer thematisiert Ruth Klüger in ihrem Buch "weiter leben" häufig (vgl. z.B. 28,18-20 / 30,12-14; 71,14 / 71,14). Auch der folgende Text hat ein Gespenst zum Inhalt - und widmet sich zugleich der (in einem anderen Sinne gespens­terhaften) Erinnerungskultur der leeren Phrasen und ein­geübten Gedenkrituale. Unter dem Titel »Dichten über die Shoah. Zum Problem des literarischen Umgangs mit dem Massenmord« hat ihn Ruth Klüger erstmals in einem Vortrag 1992[1] vorgestellt:


»Wenn ich eine frei erfundene Geschichte zum Thema der jüdischen Katastrophe schreiben müsste, so würde ich kei­nen realistischen Rahmen wählen. Ich würde eine Gespen­stergeschichte erfinden, denn ein Gespenst ist etwas Unge­löstes, besonders ein verletztes Tabu, ein unverarbeitetes Verbrechen. Hier ist der Anfang zu einer solchen Gespen­stergeschichte, den ich zum beliebigen Weiterspinnen frei­gebe.




altIn einen Hörsaal kommt der Geist eines der vielen Er­schlagenen, angezogen vom Thema, erfreut, dass seiner ge­dacht wird. Er setzt sich aufs Podium vorne hin, lässt die Beine baumeln, wie die Demonstranten auf der Berliner Mauer. Das Publikum starrt ihn mit glasigen Augen an, ohne ihn zu sehen. Der oder die Vortragende spricht vom Unsäglichen, vom Unvorstellbaren, vom Unaussprech­lichen. Das Gespenst fragt sich, warum der an ihm verübte Mord unsäglich ist. Es gäbe doch ein deutsches Wort da­für: Genickschuß. Und warum unvorstellbar, wenn es doch keineswegs ein Mysterium war, sondern eine blutige Sauerei, am hellichten Tag.

Das Gespenst merkt langsam, dass von ihm gar nicht die Rede ist, sondern nur von der Erschütterung des Spre­chers, der seine Fähigkeit zum Mitgefühl dem Publikum zur Schau stellt. Und während vom Pult her die Rede ist von der teuflischen Umnachtung der Mörder, denkt das Gespenst an seinen sonnenhellen Todestag und an die Schützen, die ganz gewöhnlich und keine Dämonen wa­ren. Ich denke mir, dass mein Gespenst langsam merkt, daß das Publikum es mit. glasigen Augen anstarrt, ohne es zu sehen. Es gibt eben nicht viele Geisterseher. Aber einer sieht es doch, ein gepflegter Herr, Jahrgang 1920, der in der hinteren Reihe sitzt, einer der damaligen Schützen. Der sieht ihn.

Und dann würde ich noch eine junge Studentin erfinden, ersten Semesters, die treuherzig und aus einer echten Be­unruhigung über die Parteiabzeichen in der Schatulle auf Großvaters Schreibtisch zu uns gekommen ist. Die Wort­hülsen des Sprechers haben sie eingeschläfert, trotz ihrer standhaften Bemühungen, gut zuzuhören. Sie sieht durch geschlossene Augenlider unser geknicktes und gekränktes Gespenst den Saal verlassen. Sie steht auf und folgt ihm; der gepflegte Herr aus der hinteren Reihe tut dasselbe, durch eine andere Tür. Der oder die Vortragende hat das Gespenst natürlich nicht wahrgenommen und ärgert sich über die beiden Zuhörer, die den Saal vorzeitig verlassen haben.«



Zit. nach: Irmela von der Lühe: Das Gefängnis der Erinnerung. Erzählstrategien gegen den Konsum des Schreckens in Ruth Klügers weiter leben.

In: Bilder des Holocaust. Literatur-Film-Bildende Kunst. Hg. Von Manuel Köppen und Klaus R. Scheepe, Köln 1997, S. 43



[1] Erstmals abgedruckt im Gertrud Hardtmann (Hrsg.), Spuren der Verfol­gung. Seelische Auswirkungen des Holocaust auf die Opfer und ihre Kin­der, Gerlingen 1992, S. 221.



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