Besuch des Gebietsarchivs

alt„Wir liegen im Augenblick in Ruhe. Ich weiß nicht, wie lange das noch dauert.“ Dies schreibt Toni an seinen Bruder Peter am 8.3.1944 aus "Russland". Ich lese Feldpostbriefe deutscher Wehrmachtssoldaten im Gebietsarchiv Chmelnyzkyj. Das Briefkonvolut wurde nach dem Krieg im Wald gefunden und archiviert. Ebenso wird uns Einblick in nicht zugestellte Briefe aus Deutschland an die Soldaten gewährt. Zudem liegen Zeitungen, Broschüren, Fotos, reiches Quellenmaterial insgesamt aus.

Die Soldaten schreiben von bevorstehenden Verlobungen, gespartem Geld, Fronterlebnisse werden demgegenüber ausgespart, bestenfalls angedeutet. Die Zensur ließ nur unverfängliche Briefe durch, vom Kriegsverlauf sollten nur positive Berichte die Heimat erreichen. Auch die Briefe an die Frontsoldaten fallen ganz ähnlich aus. Die ukrainischen Schüler berichten aus ihren Brieflektüren, dass Liebesschwüre und Familiendinge im Vordergrund stehen. Nur einmal lasen wir, dass ein Schornsteinfeger beim Kaminreinigen eine nicht detonierte Phosphorbombe fand. Man wolle mit der Hausrenovierung aber noch warten….



altAlles schien in Ordnung. Heile Welt der Briefe in einer immer schneller sich drehenden Spirale aus Tod und Verwüstung.

Die Schüler vergessen die Zeit. Sie schreiben ganze Briefe ab, zeigen sich Lesefunde, sprechen konzentriert über Unleserliches, Eigennamen und Interpretationsfragen.

In die drei Stunden passen ganze Wochen Geschichtsunterricht. Mit Fragen und Antworten verlassen wir das Archiv in Richtung weiterer Gespräche.

(von R.F. Kokenbrink)



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